Mittwoch, 4. Oktober 2017

Zwei neue Straßen sollen Teltow und Stahnsdorf entlasten

In gut zwei Jahren – Ende 2019 – könnten sich die Verkehrsströme in der Region Teltow und Stahnsdorf völlig neu ordnen. Bis dahin sollen sowohl die sogenannte Biomalzspange als auch die neue Landesstraße 77 fertig sein. Beide Straßen sind Neubauten auf bislang freiem Feld. Zum einen wird dadurch das Teltower Spangensystem vollendet, das die Innenstadt entlastet, zum anderen wird die Stahnsdorfer Gewerbegebiete „Techno-Park“ und „Green-Park“ dann an die Landesstraße 40 Potsdam-Schönefeld angeschlossen sein. Entlastet wird außerdem der „Stahnsdorfer Hof“ – eine Kreuzung, die an chronischer Überlastung leidet. Mit der gleichzeitigen Umgestaltung der Landesstraße 76 (Potsdamer Allee, Bäkedamm, Wilhelm-Külz-Straße, Potsdamer Straße), die bislang den Ost-West-Verkehr aufnehmen musste, soll dort mehr Lebensqualität geschaffen werden.

Doch wie nachhaltig ist das Verkehrskonzept, das hinter diesen Plänen von Teltow und Stahnsdorf steht? Was sind die Vorteile, was die Nachteile? Profitieren einerseits Anwohner zum Beispiel der Teltower Iserstraße von der Entlastung, befürchten andererseits Anwohner des Stahnsdorfer Wohnviertels am Striewitzweg eine neue Lärmbelastung und fühlen sich von ihren Kommunalpolitikern und der Verwaltung im Stich gelassen. Sollte die Region nicht viel stärker auf den Ausbau der ÖPNV-Angebote mit Bus und S-Bahn drängen, anstatt mit neuen Straßen neuen Verkehr anzuziehen? Ein Blick auf die Fakten und die Planungen kann helfen, diese Fragen zu entscheiden.

Biomalzspange

Die Straße soll völlig neu als kommunale Straße gebaut werden. Sie führt vom Kreisverkehr Saganer Straße in Teltow über die Stahnsdorfer Feuchtwiesen bis zur Quermathe und bindet die dortigen Gewerbegebiete an das Spangensystem an. Die Baukosten von rund zwei Millionen Euro teilen sich Teltow und Stahnsdorf, dabei trägt Teltow mit 1,24 Millionen Euro den größeren Anteil. Per Vertrag wurde festgelegt, dass die Planung der rund 650 Meter langen Straße von Teltow aus gesteuert wird.

Für die Biomalzspange liegt seit Februar dieses Jahres ein Planfeststellungsbeschluss vor. Dagegen hat eine Stahnsdorfer Bürgerin geklagt – insbesondere geht es um die zu erwartende Verkehrsmenge auf der Straße. Nach Angaben des zuständigen Teltower Sachgebietsleiters Tiefbau/Grün, Lars Müller, werden ab Frühjahr 2018 auf der Trasse zunächst Zauneidechsen umgesiedelt. Baubeginn soll Ende 2018/Anfang 2019 sein. Mit der Fertigstellung rechnet Müller für Ende 2019. Fördermittel für den Bau der Biomalzspange seien beantragt, aber noch nicht zugesagt worden.

Teltower Spangensystem

Die Planungen für das übergeordnete Teltower Spangensystem gehen weit in die 1990er Jahre zurück. Mit der Biomalzspange wäre das System vollendet. Sie führt den Verkehr, der von Süden zum Beispiel aus dem „Techno-Park“ in Richtung Berlin strebt, auf die Saganer Straße und weiter nördlich über die Oderstraße und das Zeppelinufer an der Innenstadt und dem Ruhlsdorfer Platz vorbei auf den Teltower Damm.

Landesstraße L 77 neu

Nur mit dem Bau der neuen Landesstraße 77 wird das Teltower Spangensystem zu einer großräumigen Umfahrung von Teltow und Stahnsdorf. Die Trasse führt von der Kreuzung „Stahnsdorfer Hof“ übers Feld bis zur neuen Landesstraße 40, an die sie bei Marggrafshof angebunden wird. An der Quermathe (Gewerbegebiete) und am Enzianweg soll es Kreisverkehre geben. Damit wird eine Verbindung zur Biomalzspange geschaffen. Die ersten Bauvorbereitungen haben laut dem Teltower Sachgebietsleiter Lars Müller bereits begonnen. Auch die neue Landesstraße 77 soll Ende 2019 fertig sein.

Das Gesamtsystem

Mit Vollendung der Biomalzspange und der L 77neu Ende 2019 wird sich der Verkehr insbesondere zwischen Potsdam und Stahnsdorf/Teltow neu ordnen. Statt über die Potsdamer Allee oder Ruhlsdorfer- und Iserstraße können Autofahrer dann über zwei Landesstraßen und die Bionmalzspange auf schnellem Weg die beiden Kommunen erreichen. Innerörtliche Straßen und anliegende Wohngebiete wären entlastet. Über die weiteren Spangen ist dann auch der Süden Berlins schnell zu erreichen. Außerdem erhalten die Stahnsdorfer Gewerbegebiete eine direkte Anbindung in Richtung Potsdam oder Schönefeld.

Kritik

Massive Bedenken insbesondere gegen den Bau der Biomalzspange kommen von der Bürgerinitiative „Anwohner Striewitzweg“, aus deren Mitte auch die Klage gegen die Planfeststellung kam. Dabei geht es um den Lärmschutz. Laut Sachgebietsleiter Müller ist eine 200 Meter lange Lärmschutzwand zwar geplant, aber nur für die „der Trasse am nächsten stehenden Häuser“ an der Hermannstraße. „Zusätzlicher Lärmschutz ist nicht notwendig“, sagt Müller. Nach seinen Berechnungen werden zwischen 5400 und 7000 Fahrzeuge pro Tag die Biomalzspange befahren, davon rund zehn Prozent Lkw. Lege man gesetzliche Lärmvorschriften zugrunde, käme für das Stahnsdorfer Wohngebiet Striewitzweg eine Lärmschutzwand erst ab 24 000 Fahrzeugen in Frage. Müller sagt aber auch: „Wenn das gewünscht wird, dann ist das eine rein Stahnsdorfer Angelegenheit.“

Doch genau darauf pochen die Anwohner rund um den Striewitzweg. „Die Planung ist eine hinterhältige Provokation unserer Gemeindevertreter“, heißt es aus der Initiative. Tatsächlich ist den Anwohnern bislang Lärmschutz verweigert worden, es gab lediglich einen Beschluss der Stahnsdorfer Gemeindevertreter, nach dem Bau der Biomalzspange die Situation neu zu prüfen. Die Anwohner weisen darauf hin, dass die Straße mit einer Breite von 7,50 Meter noch breiter geplant sei, als eine Landesstraße, außerdem muss sie wegen des Baugrunds höher gelegt werden. Sie zweifeln deshalb nicht nur die prognostizierte Verkehrsmenge an, sondern weisen auch auf die ungehinderte Ausbreitung des Lärms hin. „Teltow hat seine Bürger geschützt, aber Stahnsdorf lässt seine eigenen Einwohner im Regen stehen.“

Bedenken gegen die Anbindung des Enzianwegs an die neue Landesstraße 77 haben die dortigen Anwohner zu Protokoll gegeben. Sie befürchten, dass Autofahrer ihre Tempo-30-Straße als schnelle Abkürzung nach Stahnsdorf nutzen werden. Das gelte auch für Lkw-Verkehr aus den Gewerbegebieten. Bereits jetzt leiden die Anwohner des Enzianwegs unter starkem Durchgangsverkehr – dieser könnte zunehmen.

Zustimmung

Bislang strömte der Verkehr aus Richtung Süden über die 2002 ausgebaute Iserstraße nach Teltow – das sind heute 8000 bis 10 000 Fahrzeuge am Tag. Seit Jahren kämpft eine Anwohnerinitiative um Hans-Rainer Klaffke im Namen von rund 700 Betroffenen gegen diesen „Wahnsinn“. Es kam sogar zur Klage, die 2012 aber zurückgewiesen wurde. Drei Buslinien führen durch die Iserstraße, seit November 2016 gilt Tempo 30. Die laufenden Bauarbeiten in der parallel verlaufenden Ruhlsdorfer Straße haben die Situation in der Iserstraße noch verschärft. Für dieses Wohngebiet würden L 77neu und Biomalzspange eine entscheidende Entlastung bringen, ist die Initiative überzeugt. Sie schlägt vor, die Iserstraße dann von einer Kreisstraße zu einer kommunalen Straße zurückzustufen. Doch die Teltower Verwaltung winkt ab: „Das ist derzeit nicht beabsichtigt.“ Auch bei den Anwohnern der Isertsraße bleiben deshalb Zweifel, ob die ganz große Verkehrsentlastung wirklich kommen wird.

(Grafik/Quelle: Detlev Scheerbarth, Text: Jürgen Stich, mit freundlicher Genehmigung, MAZonline)

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