Montag, 17. Juli 2017

Kulturnacht auf dem Friedhof

Im benachbarten Berlin ergoss sich der Regen in Strömen, in Stahnsdorf fielen nur ein paar Tropfen, als am Samstag der „Musikalische Sommerabend“ auf dem Südwestkirchhof begann. Die Pessimisten suchten rechtzeitig Schutz unter dem Dach der Holzkirche. Von draußen wehten Welthits in wunderbar minimalistischen Jazz-Varianten herein, dargeboten von Ines Weber (Saxofon, Klarinette) und Thomas Hoppe (Kontrabass). Schon bei dieser Einstimmung konnte man, wie später auch, vergessen, dass man sich auf einem Friedhof befindet.

Schräg gegenüber, im Mausoleum Caspary, waren Bilder der Stahnsdorfer Malerin Frauke Schmidt-Theilig zu besichtigen. Zwei von ihnen wurden extra für diesen ungewöhnlichen Ausstellungsort gemalt. Sie hingen rechts und links der „Trauernden“. Die bronzene Jugendstil-Dame im fließenden Gewand – eine hochwertige Arbeit aus der Gießerei Noack - wirkte nun wie der Mittelteil eines dreiflügeligen Altars. Auch in der rot und blau beleuchteten Gruft, in der drei Särge stehen, war ein Bild der Stahnsdorfer Künstlerin ausgestellt. Sie hatte die Anregung von Friedhofsverwalter Olaf Ihlefeldt, das im Jahr 1911 errichtete Mausoleum der Familie Caspary zu bespielen, gern aufgenommen.

Suche nach prominenten Gräbern

Viele Besucher nutzten die Gelegenheit, an einstündigen Führungen über einen Teil des Friedhofs teilzunehmen. Manche spazierten auch allein über das weitläufige Gelände, auf dem sich prächtige Grabanlagen mit ganz bescheidenen abwechseln, wo pittoresker Verfall und romantischer Wildwuchs von Bäumen, Sträuchern und Farnen zu Entdeckungen einladen. Nicht wenige Besucher, das war den Gesprächen zu entnehmen, waren zum ersten Mal dort. Sie suchten vor allem nach Prominenten-Gräbern. „Friedhöfe erzählen nicht nur etwas über Trauerarbeit“, sagt Olaf Ihlefeldt.

Später dann die drei Aufführungen der Schauspieler Nina Gummich, Léon Schröder und der Potsdamer Dance Company Erxleben, begleitet von klassischer Musik und von Texten Rainer Maria Rilkes (1875-1926). Einem Rilke-Gedicht ist auch der Titel des Programms entnommen: „Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden.“ Die Zuschauer saßen auf alten Steinstufen, auf Bänken, Campingstühlen oder einfach auf dem weichen Moos. Wo es keine Ränge gibt, da gibt es auch keine Bühne. Der Ort sollte bei seiner ungewöhnlichen Nutzung nichts von seiner Authentizität einbüßen. Natürlich kann kein Tänzer, keine Tänzerin über einen Friedhofsboden schweben wie über Parkett, das durfte niemand erwarten, aber die Anmut, mit der da getanzt wurde, die Damen unter strahlendweißen, halbtransparenten Schleiern – das war schon sehr eindrucksvoll.

Eine stattliche Summe kam zusammen

„Es war überwältigend und wir hatten ein tolles Publikum“, freute sich Olaf Ihlefeldt. Mehr als 700 Karten wurden verkauft. Auch beim Catering seien die Gäste großzügig gewesen, sagte der Friedhofsverwalter. Die Erlöse kommen dem Denkmalschutz auf dem Friedhof zugute. Bereits vor dem Zahlenwerk Schlussrechnung stand fest: Es ist eine stattliche Summe zusammengekommen. Der „Musikalische Sommerabend“ war bereits die vierte große Kulturveranstaltung auf dem Areal. Im Jahr 2003 war hier die erste Kulturnacht überhaupt auf einem deutschen Friedhof ausgerichtet worden.

Text & Foto: Stephan Laude (mit freundlicher Genehmigung, zuerst erschienen in MAZonline am 16.07.2017)

Elektro Müller Teltow