Freitag, 21. Juli 2017

Immer noch ohne PC und Internetadresse

14 Schifffahrts- und Wanderausflüge, 164 „Teltower Frühschoppen“, 182 Minibusfahrten, 393 teils mehrtägige Busausflugsfahrten, 186 „Teltower Stübchenabende“… Insgesamt 1502 Veranstaltungen, an denen 33313 Gäste teilnahmen – mit buchhalterischer Akkuratesse hat Horst Fleischer die Zahlen aus 30 Jahren „Teltower Heimatfreundekreis 1987“ zusammengetragen. Fleischer ist dessen Leiter.

1987, das ist ein ungewöhnliches Gründungsjahr. Die DDR war bekanntlich nicht das Land, in dem es möglich war, mal eben einen Verein auf die Beine zu stellen. Aber der Heimatfreundekreis war  auch kein Verein und er ist es bis heute nicht. Seine Wurzeln hat er, wenn man so will, in einer Einrichtung, die Klub der Werktätigen Teltow (KdWT) hieß. Fleischer war seit 1980 der Vorsitzende. Hauptamtlich fungierte er – von 1979 bis 1984 – als Stadtrat für Kultur. Drei Mitglieder der Klubleitung gehörten der CDU an. Das müssen der SED zu viele gewesen sein. Jedenfalls wurde, berichtet Fleischer, in Vorbereitung des SED-Parteitags von 1986 und auf Veranlassung der SED-Kreischefs in Potsdam innerhalb der KdWT-Leitung eine SED-Gruppe gegründet. Ihr gehörte genau die Hälfte der Leitungsmitglieder an. Wahrscheinlich wollten die Genossen nicht nur wegen ihres Parteitages die Reihen festigen, sondern auch wegen Gorbatschow. In Moskau Glasnost und Perestroika und in Teltow die Kultur unter CDU-Führung – da kam einiges zusammen, was den Funktionären der Partei der Arbeiterklasse   unheimlich gewesen sein muss. Er und die übrigen Nicht-Genossen in der Leitung wurden, wie Horst Fleischer sich erinnert, „immer mehr zu Statisten der Kultur- und Klubarbeit“ degradiert. Der zunehmende Druck veranlasste Fleischer, den Klubvorsitz niederzulegen.

Aber die Kulturarbeit war ihm viel zu lieb geworden, als dass er sie aufgeben wollte. Also traf man sich privat. Sieben Freunde waren damals dabei. Der Status entsprach etwa dem einer lockeren Kneipen-Skatrunde oder einer Häkelgruppe. Statt öffentlicher Werbung gab es Mund-zu-Mund-Propaganda. Die Volkspolizei mit ihrer Abteilung Erlaubniswesen und die Kreisdienststelle des Ministeriums für Staatssicherheit wurden auf die Gruppe aufmerksam und versuchten zu ergründen, ob da Gesetzesbrecher oder wohlmöglich sogar Staatsfeinde am Wirken sind. Aber offenbar fanden sie dafür keine Anhaltspunkte.

Als Gründungstermin des Freundekreises gilt der 7. Mai 1987. Da nämlich startete er zu seiner ersten Bustour. Horst Fleischer hatte das Fahrzeug beim VEB Personenkraftverkehr Potsdam-Babelsberg nicht als Freundekreisleiter gebucht, sondern als Bürger. Das war ja nicht verboten. Und im Bus saßen nur Verwandte, Freunde, Bekannte… Ziel des Ausflugs war das beschauliche Nuthe-Nieplitz-Tal mit dem Bauernmuseum in Blankensee. Essen gab’s in der Gaststätte von Renate Krause in Jütchendorf. Bürger Fleischer charterte noch mehrmals einen Bus. Über den Bezirk Potsdam hinaus gingen seine Ausflüge aber nie. Der Abteilung Gelegenheitsverkehr des Busbetriebes habe dafür kein Spritkontingent zur Verfügung gestanden, so Fleischer. Er und seine Mitstreiter organisierten auch Wanderungen und – natürlich als geschlossene Veranstaltung – Tanzabende.

Und dann kam die politische Wende. Die Freundekreisangehörigen hätten sie als „wahre Befreiung empfunden“, sagt Horst Fleischer. Endlich ließen sich ungehindert Veranstaltungen planen, neue Ziele ansteuern und Gäste einladen. Jetzt konnte sich die Gruppe auch öffentlich einen Namen geben. Sie nannte sich damals Teltower Heimatfreunde.  20 bis 30 Busfahrten wurden Anfang der 90er jährlich angeboten – viel mehr als heute, denn es kamen viele West-Berliner dazu, die mit den Bussen und ortskundiger Begleitung den unbekannten Osten erkunden wollten.

Trinkgeld nehmen die Organisatoren von ihren Besuchern nicht. Stattdessen sind sie für Spenden dankbar. Sie kommen  Kindern und Jugendlichen zugute, die im Märkischen Kinderdorf Ludwigsfelde und beim Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk in Potsdam betreut werden. Mehr als 35000 Euro wurden bisher für Fahrten der Kinder bereitgestellt. Im Sommer geht’s an die Ostsee, im Winter auf einen Weihnachtsmarkt.

Horst Fleischer hat zwar selbst die Presse auf das Jubiläum seines Heimatfreundekreises, der nicht mit dem Teltower Heimatverein zu verwechseln ist, aufmerksam gemacht, aber eigentlich verzichtet er auf große Werbung. „Die haben wir nicht nötig.“ Schon, weil die meisten Teilnehmer Stammkunden sind. Es fehlt nicht nur an Werbung, es gibt nicht mal eine Internetadresse. Dazu passt, dass Fleischer die Texte seines Mitteilungsblatts „Teltower Nachrichten“ wie vor 30 Jahren auf einer mechanischen Schreibmaschine tippt. Die Überschriften und Bildtexte fügt er handschriftlich ein. Das liegt aber eher nicht daran, dass Fleischer inzwischen 67 Jahre alt ist und vielleicht Scheu hat, sich in die Segnungen der modernen Technik hinein zu vertiefen. „Wir könnten das auch anders machen“, versichert Fleischer, „aber wir wollen es nicht. Das ist unser Markenzeichen.“

Wer also an den Veranstaltungen des Heimatfreundekreises Teltow 1987 interessiert ist, dem nützt kein Computer, der muss Fleischer anrufen (03328/300689). Natürlich gehört etwas Glück dazu, ihn zu erreichen. Denn Horst Fleischer ist ja viel unterwegs.

(Text & Foto: Stephan Laude, mit freundlicher Genehmigung, in einer kürzeren Fassung erschien der Artikel auf MAZonline am 20.07.2017)

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